Wilde Lachse als Grundstock

28.04.2011

Im Lachszentrum Hasper Talsperre bei Ennepetal in Nordrhein-Westfalen liefern jetzt wilde Lachse den Nachwuchs für hessische und rheinland-pfälzische Gewässer.

Auch vier Jahre alte Lachse drehen in den Zuchtbecken an der Hasper Talsperre ihre Runden. Bild: Horst Stolzenburg

Nicht ohne Stolz blickt Dietmar Firzlaff, Leiter des Lachszentrums Hasper Talsperre, auf den Inhalt der zahlreichen Rundstrombecken in der Anlage unterhalb der der Talsperre. In den letzten Jahren war man hier immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass die Besatzstrategie an den Lachsflüssen in Hessen und Rheinland-Pfalz neu ausgerichtet werden muss. In enger Zusammenarbeit mit dem Biologen Dr. Jörg Schneider aus Frankfurt am Main (Bürogemeinschaft für fisch- und gewässerökologische Studien BFS), der die Wiederansiedlung der Lachse in diesen beiden Bundesländern wissenschaftlich betreut, entwickelte man ein neues Konzept. So schwimmen jetzt in den Becken Nachkommen verschiedener Altersklassen der ersten Generation von echten Wildlachsen aus Lachsgewässern der beiden Bundesländer.

Lachs-Zukunft: Die kleinen Brütlinge werden einmal die große Wanderung Richtung Meer antreten - und hoffentlich als erwachsene Laichfische wieder zurückkehren. Bild: Horst Stolzenburg

Jörg Schneider schildert die Gründe für diese Vorgehensweise: „Die Elterntiere stammen nicht ausschließlich von importierten Lachsen oder Nachkommen abgestreifter Rückkehrer ab, beides künstliche Vermehrungsprozesse, sondern rekrutieren sich in erheblichem Maße auch aus echten Wildlingen. Dies sind Lachse aus natürlicher Vermehrung, die im Rahmen von Elektrobefischungen in nicht besetzten Laichgebieten in Saynbach, Nister, Wisserbach und Wisper gefangen wurden. Mit der Aufzucht eines zunehmenden Anteils an Wildlingen ist die Erwartung verknüpft, dass durch die Integration von Junglachsen der 1. und 2. Generation wild geborener Fische eine aus genetischer Sicht qualitativ besonders hochwertige Ressource als Grundstock für den Bestandsaufbau herangezogen wird. Immerhin haben die Eltern dieser Junglachse mehrere entscheidende Lebensphasen wie Aufwuchs als Besatzfische im neuen Heimatgewässer, erfolgreiche Abwanderung, Meeresaufenthalt, Rückkehr, Partnerfindung und Ablaichung bewältigt.

Die Wildlinge wiederum schließen den Kreislauf mit ihrem erfolgreichen Schlupf, dem Überleben der ersten Lebenswochen mit intensiver natürlicher Selektion und dem Erreichen des ersten oder zweiten Herbstes. In der Qualitätsrangfolge direkt nachgeordnet sind Nachkommen abgestreifter Rückkehrer. Dabei haben Nachkommen besetzter Smolts einen geringeren Teil des Lebenszyklus (nur Migration ins Meer und zurück) vollzogen als Nachkommen von Rückkehrern, die bereits als Sömmerlinge in die neuen Habitate eingebracht wurden. Eine weitere Komponente bilden ehemalige Besatzfische, die (meist als Altersklasse 1+) nach mehreren Monaten bis anderthalb Jahren aus Besatzstrecken zurück gefangen wurden. Hier beschränkt sich der erfolgreich absolvierte Teil des Lebenszyklus auf die Süßwasserphase.

Zeichnung "Kreislauf der Lachse", Maria Ackmann; Foto: Horst Stolzenburg

Durch die Verwendung unterschiedlicher Ressourcen sollte garantiert sein, dass es bei dem Elternfischbestand nicht zu Inzuchtproblemen und genetischen Flaschenhälsen durch eine zu geringe Elterntieranzahl kommt. Bei den Wildlingen wird außerdem sorgfältig darauf geachtet, die Tiere von möglichst vielen Laichplätzen und unterschiedlichen Laichgewässern zu beziehen.

Als weiterer Schritt zur Vermeidung genetischer Probleme werden ausschließlich Rogner verwendet. Die Befruchtung der Eier der Elternfische erfolgt mit Sperma von Rückkehrern und - wie in natürlichen Populationen - von frühreifen wilden Parrs.

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Elternfischhaltung neben der Aufzucht von Nachkommen abgestreifter Rückkehrer nur eines von drei Standbeinen der heimischen Produktion von Besatzlachsen darstellt. Auch ein fortgesetzter Import von Ätranlachsen ist mittelfristig vorgesehen - allerdings bestanden hier in der jüngeren Vergangenheit erhebliche Probleme hinsichtlich der Verfügbarkeit.

Im Projekt werden zwei Elternfischgruppen getrennt gehalten: Die Gruppe ‚Sieg‘ besteht ausschließlich aus Nachkommen von Siegrückkehrern und Sieg-Wildlingen sowie Ätran-Lachsen. Die Gruppe ‚Saynbach‘ beinhaltet zusätzlich Individuen aus Saynbach, Elzbach und Wisper, wobei hier angenommen wird, dass sich neben Ätran zu geringen Anteilen auch andere südskandinavische Herkünfte in dem Genpool befinden.“

1.000.000 Eier sind keine Utopie

Aus diesen Smolts werden einmal prächtige Lachse heranwachsen. Bild: Horst Stolzenburg

Aktuell können so in diesem Jahr (Frühjahrsbesatz) eine Tonne Smolts als Besatzfische in Nister, Ahr, Elzbach, Saynbach, Wisper und Lahn in die Freiheit entlassen werden. Außerdem wird auch noch das Wuppersystem unterstützend besetzt. In dieser Saison liegen von den Elternfischen 200.000 Lachseier in den Brutschränken auf. Bisher konnten die vierjährigen Weibchen bei minimalen Verlusten (90 Prozent Überlebensrate) zwei Mal abgestreift werden. Für die kommende Saison (2011/12) rechnet man mit einem Ertrag von 500.000 Lachseiern. Bei weiterer positiver Entwicklung dieses Programmes ist eine Zahl von 1.000.000 Eiern in zwei Jahren keine Utopie.

Die Vorteile dieser Methode bestärken die Verantwortlichen, möglichst genetisch einwandfreies Material für die weitere Unterstützung der Lachswiederansiedelung in Hessen und Rheinland-Pfalz zu verwenden. Um sich einen genaueren Überblick über die genetische Prägung beider Elternfischstämme (Sieg und Saynbach) zu verschaffen, wurde eine entsprechende Untersuchung in Auftrag gegeben. Sollte sich herausstellen, dass beide Stämme genetisch fast identisch sind, könnte man künftig auf die strikte Trennung der Elterntiere verzichten. Das würde den Arbeitsaufwand bei der Betreuung und Aufzucht der Tiere verringern.

-Horst Stolzenburg-

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